«Wir gehören alle zusammen»

Während ihre Eltern Deutschkurse besuchen, fördert der Kinderhütedienst Plus+ pro Woche über 150 Kinder in ihrer sprachlichen und persönlichen Entwicklung. Ein Augenschein vor Ort.

Tränen kullern über die Wangen des dreijährigen Asmoron aus Eritrea. «Loslassen vom Mami, wenn auch nur für wenige Stunden, ist ein grosser Schritt», erklärt Rita Kieffer beim gemeinsamen Besuch bei einem der fünf Kinderhütedienste Plus+ in der Stadt Bern. Sie hat das Frühförderangebot für Kinder im Alter von sechs Monaten bis und mit Kindergartenstufe 2008 ins Leben gerufen. «Hier passiert mehr als das reine Beaufsichtigen der Kinder», betont die Bereichsleiterin Sprach- und Integrationskurse bei der Informationsstelle für Ausländerinnen- und Ausländerfragen (isa). «Sprachförderung darf nicht isoliert betrachtet werden. Sie ist Teil einer umfassenden Förderung, zu der auch der Aufbau und die Entwicklung von sozialen, kulturellen, motorischen und emotionalen Kompetenzen gehört», so Kieffer.

Deutschkurs für Eltern und Kinder

Asmoron verbringt zusammen mit anderen Kindern zweimal pro Woche jeweils zwei Stunden im frühkindlichen Betreuungsangebot. In der Obhut der qualifizierten Betreuerinnen kommt er hier spielerisch in Berührung mit der deutschen Sprache und macht wichtige Erfahrungen im Umgang mit anderen Kindern oder eben im Loslassen von den Eltern. Diese sitzen zwei Stockwerke höher in einem Klassenzimmer und absolvieren einen Deutsch- oder Alphabetisierungskurs. Sie wissen, dass ihre Kleinen in der Zwischenzeit nicht nur gut aufgehoben sind, sondern umfassend betreut werden. Jedes Semester tun es ihnen über 300 Frauen und Männer aus 64 Nationen gleich und werden durch diesen ersten Kontakt mit Berner Betreuungs- und Bildungsstrukturen auch für die spätere Zusammenarbeit mit Kindergarten und Schule sensibilisiert.

Werkzeuge für die Zukunft

Der vierjährige Abdullah aus Somalia zeigt sich aufgeweckt und interessiert. Beste Voraussetzungen für Hauptleiterin Christine Binggeli, ihn ins spielerische Lernen zu entführen: «Abdullah, komm wir flicken das Auto. Hier ist das Auto. Wir flicken es mit dem Hammer. Weisst du, wo der Hammer ist?» Langsames, deutliches Sprechen und das Wiederholen von Wörtern sind wichtige Faktoren beim Erlernen der neuen Sprache. Und siehe da, Abdullah hat verstanden und holt den Hammer. «Das sind die schönen Erfolge, die wir hier erleben können. Kinder lernen schnell, wenn man ihnen die richtigen Förderwerkzeuge reicht», freut sich Kieffer.

Vorbereitung für den Kindergarten

Das Team bilden pädagogisch ausgebildete Hauptleiterinnen und qualifizierte Betreuerinnen, die selbst meist Migrationshintergrund haben. Aus ihrer Ausbildung zur Spielgruppenleiterin wissen sie, wie wichtig für den Erwerb einer neuen Sprache gerade auch Rituale, Bewegung, Musik und Rhythmus sind. Dass sie diese Erkenntnisse mit Freude weitergeben, spürt man an diesem Nachmittag: Alle Sinne der Kinder, die in verschiedenen Entwicklungsstadien stecken, werden individuell angeregt und auf kreative Weise gefördert. Die Betreuungseinheiten sind klar strukturiert und haben einen festen Ablauf, zu dem neben Fördersequenzen auch Alltagsrituale und freies Spielen gehören. «Unser Team bietet so eine optimale Vorbereitung für den späteren Kindergarteneintritt», weiss Rita Kieffer. Vor dem Zvieri trifft sich die Gruppe zu einem weiteren Ritual. «Wir stehen im Kreis, wir reichen uns die Hand, wir gehören alle zusammen, darum reichen wir uns die Hand», und während Abdullah lauthals mitsingt, huscht bei Asmoron ein zufriedenes Lächeln über das Gesicht.

Weitere Informationen:

Rea Wittwer

Abdullah und Asmoron tanzen mit ihren Gspänli um die Wette. Foto: © Claudia Link
Abdullah und Asmoron tanzen mit ihren Gspänli um die Wette. Foto: © Claudia Link